Biographische Daten von Clara Viebig

 

1860

Nach dem Taufregister der evangelischen Gemeinde in Trier wurde Clara Viebig am 17. Juli 1860 um neun Uhr abends als drittes Kind des Oberregierungsrates Ernst Viebig und seiner Frau Clara, geb. Langner, in der elterlichen Wohnung nahe der Porta Nigra geboren. Die Wohnung der Viebigs lag in der Simeonsstiftstraße 387, heute Kutzbachstraße 10. Am 16. August wurde sie auf den Namen Clara Emma Amalie getauft. Beide Eltern stammten aus dem ehemaligen Großherzogtum Posen. Der Vater war als Regierungsrat in der preußischen Regierung tätig, gehörte 1848 der Frankfurter Nationalversammlung in der ›Paulskirche‹ an und wurde 1858 als Oberregierungsrat in die preußische Rheinprovinz nach Trier versetzt. Die Mutter stammte aus einem protestantischen Pfarrhaus in Westpreußen.

 

1860-68

Kindheit in Tier: Die Erziehung und Sozialisation Clara Viebigs in der Familie verlief im Sinne bildungsbürgerlicher, klassisch-humanistischer Ideale. Sie lernte im Elternhaus Literatur und Kunst der Zeit kennen und nahm an den Theaterbesuchen der Eltern teil. Ihr außerordentlicher Lesehunger wurde vom Vater früh erkannt und befördert. Die Tochter erhielt das Privileg weitgehender Lesefreiheit. Zunächst wurde Clara Viebig in Trier von einem Privatlehrer unterrichtet und besuchte dann eine Elementarschule, die ›Hartmannsche Schule‹.

 

1868

Umzug nach Düsseldorf: 1868 wurde Ernst Viebig zum Stellvertreter des Regierungspräsidenten ernannt und nach Düsseldorf versetzt. Die Familie bezog ein Haus am Schwanenmarkt 3. Clara Viebig besuchte nun die ›Luisenschule‹, eine sogenannte ›Höhere Töchterschule‹, und erhielt den für Töchter des oberen Mittelstandes obligatorischen privaten Musikunterricht. Das Abitur konnte Viebig nicht ablegen, da die Möglichkeit für Mädchen zur Ablegung einer Reifeprüfung in Preußen erst ab 1899 bestand und erst 1908 institutionalisiert wurde.

 

1872

Im Alter von zwölf Jahren rezipierte Clara Viebig Heinrich Heines Buch der Lieder, woraus sich ein nachhaltige Begeisterung für Heines literarisches Schaffen ergab. Dieser Eindruck prägte die Jungendliche dauerhaft.

 

1876

Pensionsjahr in Trier: Im Anschluss an die Schulzeit verbrachte Clara Viebig ein Pensionsjahr in der Familie des Trierer Landgerichtsrates Mathieu. Dieser war ein alter Freund des Vaters. Der von Viebig selbst liebevoll ›Onkel Mathieu‹ Genannte unterrichtete sie in Französisch und Englisch. Im Hause Mathieu beschäftigte sich die Jugendliche nun eingehend mit der deutschen, aber auch der französischen und italienischen Literatur. Das Pensionsjahr in Trier wirkte sich entscheidend auf Viebigs schriftstellerisches Schaffen aus. In dieser Zeit wurde nicht nur ihr Interesse an Literatur und Kunst vertieft, sondern sie lernte auf ihren sogenannten ›Jungmädchenfahrten‹ auch Landschaft, Bevölkerung und Brauchtum der Eifel kennen. Bei diesen Fahrten handelte es sich um Dienstgeschäfte des Landgerichtsrates, bei denen die Jugendliche diesen begleiten durfte. Diese Eindrücke verarbeitete Viebig in ihrem ersten Novellenband Kinder der Eifel (1897). Der Staatsanwalt aus Viebigs erster in diesem Band veröffentlichter Novelle Die Schuldige trägt deutlich Züge des Landgerichtsrates Mathieu.

 

1881

Tod des Vaters: Am 13. Oktober 1881 starb Viebigs Vater Ernst. Mutter und Tochter blieben in einer finanziell unsicheren Situation zurück.

 

1883-92

Erstes Berliner Jahrzehnt: Zwei Jahre nach dem Tod des Vaters siedelten Mutter und Tochter nach Berlin um, zum einen um den Posener Verwandten näher zu sein, auf deren Gütern Clara Viebig bis 1896 im Sommer regelmäßig zu Gast war, zum anderen weil Viebig hier ihren Wunsch, Konzert- und Oratoriensängerin zu werden, in die Tat umsetzen wollte. In Berlin besuchte sie dann die Musikhochschule und wurde Mitglied in deren Chor. Viebig schloss ihr Gesangsstudium zwar ab, musste aber erkennen, dass ihre stimmlichen Mittel nicht ausreichten, um in der Musik Höchstes zu erreichen. Dilettantismus hatte sie nie gelockt und so gab sie die Hoffnung auf eine Gesangskarriere auf. Da die Mutter erkrankte und sich die finanzielle Situation verschlechterte, gab Viebig private Musikstunden, um einen Beitrag zum Lebensunterhalt des Witwenhaushaltes zu leisten.

 

1894

Da der Erlös aus den Musikstunden nicht ausreichte, begann Clara Viebig 1894 aus der Not heraus, kleinere literarische Arbeiten für die Tagespresse zu verfassen. Es handelte sich hierbei um Veröffentlichungen in der belletristischen Beilage der Berliner Volkszeitung, in den Unterhaltungsbeilagen verschiedener Familienzeitungen sowie in der Feuilletonkorrespondenz, u. a. im Feuilleton des Fontane-Verlages, in dem, wie auch in dessen Nachfolgeverlag Egon Fleischel & Co., Viebig später den Großteil ihres literarischen Werkes veröffentlichen sollte. Unter dem Druck der Familie publizierte Viebig unter dem Pseudonym ›C. Viebig‹, um ihre Geschlechtsidentität zu verschleiern. Denn die gesellschaftliche Konvention der wilhelminischen Epoche sah weibliches Schreiben nicht vor. Als Frau, zudem als ›höhere Beamtentochter‹, war es höchst problematisch, schriftstellerisch an die Öffentlichkeit zu treten. Denn diese Profession wurde gemeinhin als ein unbürgerlicher Beruf angesehen und mit dem Schauspielerinnen-Dasein auf eine Stufe gestellt.

 

1895/96

Heirat: 1895 lernte Clara Viebig den vier Jahre jüngeren jüdischen Verleger und Teilhaber am Fontane-Verlag Friedrich Theodor Cohn, geboren 1864 in Berlin-Charlottenburg, kennen. Die Trauung fand ein Jahr später am 24. November 1896 statt. Diese Ehe, die stets eine glückliche war, führte nach Viebigs eigener Einschätzung die Wende in ihrem Leben herbei. Denn in F. Th. Cohn fand sie sowohl einen begeisterten Förderer ihres literarisches Talentes als auch ihren ersten Verleger. Zudem gehörten die Sorgen um die unsichere finanzielle Lebenssituation im Witwenhaushalt der Mutter der Vergangenheit an.

 

1897

Geburt des Sohnes: Am 10. Oktober 1897 wurde der Sohn des Ehepaares Viebig-Cohn Ernst Wilhelm geboren.

 

1897

Zola-Erlebnis und literarischer Durchbruch: Ein Bekannter gab Viebig, vermutlich zwischen 1892 und 1895, Zolas Germinal zu lesen. Unter diesem Eindruck verfasste sie ihre erste, wie sie selbst angab, naturalistische Novelle Die Schuldige. Unter dem Titel Barbara Holzer. Schauspiel in 3 Akten wurde dieser Stoff auch ihr erstes Bühnenstück, das im Dezember 1897 am Berliner Thalia- Theater uraufgeführt wurde. Im gleichen Jahr gelang Clara Viebig mit dem Roman Rheinlandstöchter und der Anthologie Kinder der Eifel der Durchbruch als Schriftstellerin.

 

1899

Der Vorabdruck des Romans Das Weiberdorf in der Frankfurter Zeitung sorgte für einen Skandal, da sich die Bewohner der Eifeler Gemeinde Eisenschmitt verunglimpft und sittlich wie moralisch beleidigt fühlten. Insbesondere die katholische Kirche opponierte gegen den Roman und setzte ihn auf den ›Index Librorum Prohibitorum‹. Es soll sogar zu Übergriffen auf die Autorin gekommen sein, als diese in die Eifel reiste, um wie gewohnt in Bad Bertrich ihr Feriendomizil zu beziehen. Der Aufruhr um Das Weiberdorf beförderte aber auch Viebigs Popularität.

 

1900

Popularität um die Jahrhundertwende: Seit 1900 wurde Clara Viebig zunehmend ersucht, Beiträge in angesehenen Familienblättern, Kulturzeitschriften und literarischen Blättern, wie z. B. Über Land und Meer, Westermanns illustrierte Monatshefte, Jugend, Simplicissimus, etc., zu publizieren. Zwischen 1900 und 1915 veröffentlichte Viebig auf dem Höhepunkt ihrer Karriere fast jährlich einen Roman und brachte parallel eine Vielzahl von Novellen und Erzählungen auf den Markt.

 

1903

F. Th. Cohn erwirkte ein kaiserliches Edikt, das den Nachkommen seiner Frau das Recht zusicherte, deren Familiennamen, ›Viebig‹, und nicht den seinen, ›Cohn‹, zu tragen.

 

1905

Umzug nach Berlin-Zehlendorf: 1905 zog die Familie Viebig-Cohn, wohl aus einer zeittypischen Stadtmüdigkeit heraus, aus dem Berliner Stadtgebiet in eine Villa nach Berlin-Zehlendorf in die Königsstraße 3. Das Ehepaar führte ein offenes Haus, in dem viele namhafte Literaten ein und aus gingen. Zu ihnen gehörten beispielsweise Theodor Fontane, Wilhelm Raabe, Helene Böhlau, Anselma Heine, Kurt Martens und Julius Hart.

 

1914-20

Der Kriegsausbruch stellte auch für Clara Viebig eine Zäsur dar. Einerseits wehrte sie sich in z. T. nationalpatriotischer Art und Weise gegen die ›Verunglimpfung‹ der Deutschen sowie gegen die Folgen des Versailler ›Schmachfriedens‹. Andererseits verurteilte sie den Krieg, mit dem v. a. über Mütter und Frauen unendliches Leid hereinbrach. Diese Erfahrung thematisierte sie in ihren beiden Romanen Töchter der Hekuba (1917) und Das rote Meer (1920). Auch Viebigs Sohn Ernst Wilhelm musste, erst achtzehn Jahre alt, an den Kämpfen teilnehmen. Dieser Krieg bedeutete für Clara Viebig wie für viele ihrer Zeitgenossen das Ende eines vermeintlich ›sicheren‹ Zeitalters.

 

1918

Durch die Bildhauerin Milly Steeger lernte Viebig Käthe Kollwitz kennen. Es entwickelte sich eine langjährige Verbindung.

 

1921 ff.

Rückzug ins Private: 1921 musste F. Th. Cohn, der seit 1906 alleiniger Eigentümer des Verlages Egon Fleischel & Co. gewesen war, diesen im Zuge der Inflation an die Deutsche Verlagsanstalt verkaufen. Daraufhin zog sich Clara Viebig immer mehr in die Privatsphäre der Zehlendorfer Villa zurück und pflegte nur noch den Kontakt zu einigen wenigen alten Bekannten. Als Reflex auf die problembeladene Gegenwart beschäftigte sie sich in den 1920er Jahren insbesondere mit historischen Stoffen, z. B. mit der Französischen Revolution und der Schinder-Hannes-Legende in dem Roman Unter dem Freiheitsbaum (1922). Sie hörte aber nie ganz auf, sich mit aktuellen Themen zu befassen.

 

1933 ff.

Zeit des Nationalsozialismus: Die ›Machtergreifung‹ Hitlers veränderte auch das Leben der Familie Viebig-Cohn. Wegen ihrer Ehe mit F. Th. Cohn wurde Viebig als ›jüdisch versippt‹ eingestuft. Dieser Umstand wie auch ihr Schreibansatz brachten es mit sich, dass die Autorin im nationalsozialistischen Deutschland ins Abseits gedrängt wurde und zunehmend Anfeindungen ausgesetzt war. Über Viebig wurde durch das NS-Regime zwar kein Schreibverbot verhängt – dazu trug wohl auch die Verwandtschaft mit Hermann Göring bei –, aber Neuauflagen ihrer Bücher wurden immer schwieriger und schließlich unmöglich.

 

1934

Emigration des Sohnes: Mehr noch als Clara Viebig selbst hatte ihr Sohn Ernst Wilhelm aufgrund seiner jüdischen Abstammung unter den Repressionen des NS-Regimes zu leiden. Seine Karriere als Opernkomponist und Kapellmeister fand ein rasches Ende, so dass er sich 1934 gezwungen sah, nach Brasilien zu emigrieren. Dort ließ er sich in Sao Paolo nieder und wurde Teilhaber an einer deutschen Buchhandlung. 1935 folgten ihm seine Frau und 1936 die Kinder Susanne und Reinhard, die bis dahin bei der Großmutter gelebt hatten.

 

1935

Ende des literarisches Schaffens: Im Jahr 1935 erschien Viebigs letzter Roman Der Vielgeliebte und die Vielgehaßte. Aufgrund der politischen Situation in Deutschland stellte die Autorin nach Abschluss dieses Romans ihre schriftstellerische Arbeit ein.

 

1936

Tod des Ehemannes: Am 14. Februar 1936 verstarb F. Th. Cohn. Der Verlust von Sohn und Ehemann stürzte Clara Viebig in eine Phase tiefer Trauer und Resignation.

 

1937

Besuch in Brasilien: 1937 verbrachte Clara Viebig etwa drei Monate bei der Familie ihres Sohnes in Sao Paolo. Trotz der schwierigen politischen Lage in Deutschland konnte sie sich aber nicht dazu entschließen, im Ausland zu bleiben. Die Bindung an die Heimat war zu stark und so kehrte Viebig nach Berlin-Zehlendorf zurück.

 

1941

Flucht nach Mittenwalde: Nach den ersten britischen Bombenangriffen auf Berlin verließ Viebig mit ihrer Haushälterin 1941 Berlin und ließ sich im schlesischen Mittenwalde nieder. Mittlerweile waren alle Einkünfte versiegt und Viebig musste einen Großteil ihres Besitzes verkaufen, um in Schlesien überleben zu können.

 

1946

Rückkehr nach Berlin: Mit dem Einzug der Sowjets wurde Clara Viebig 1946 aus Schlesien ausgewiesen. Sie musste einen Großteil ihrer Habe, darunter ihre Bibliothek, zurücklassen und kehrte im Oktober in ihr Haus in Berlin-Zehlendorf zurück. Wieder in Deutschland bedurfte die nun sechsundachtzigjährige, gesundheitlich angegriffe ne und fast völlig mittellose Clara Viebig materieller wie psychischer Betreuung. Diese Rolle fiel einem ihrer früheren Bekannten, dem ehemaligen Bürgermeister von Hillesheim (Eifel) Ernst Leo Müller, und dessen Frau zu. Das Ehepaar kaufte Viebigs Haus und betreute diese bis zu ihrem Tod.

 

1950 ff.

Letzte Lebensjahre: Während sich in der jungen Bundesrepublik kaum jemand für die Autorin und ihr Werk interessierte, versuchte die SEDFührung, Clara Viebig und ihr literarisches Vermächtnis für die sozialistische Sache zu vereinnahmen. Man ehrte sie als ›sozialistische Schriftstellerin‹ und verlieh ihr den Ehrensold der Deutschen Demokratischen Republik.

 

1952

Am 31. Juli 1952 verstarb Clara Viebig in Berlin. Auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin wurde die Urne mit ihrer Asche im Ehrengrab des Vaters auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof beigesetzt. Freunde und Verwandte wurden, so hatte es Clara Viebig verfügt, erst nach der Beerdigung informiert.


Anke Susanne Hoffmann

 

Die Zeittafel wurde entnommen aus:
»Clara Viebig: Vor Tau und Tag und andere Novellen (1897 - 1914) hg. Von Henriette Herwig und Anke Susanne Hoffmann«